Beide heissen «Gruppe», beide bringen Betroffene zusammen, und beide helfen — aber sie tun Unterschiedliches. Wer eine Selbsthilfegruppe sucht und in einer Gruppentherapie landet, ist am falschen Ort, und umgekehrt genauso.
Der Unterschied in einem Satz: In der Selbsthilfegruppe organisieren sich Betroffene selbst. In der Gruppentherapie arbeitet eine Fachperson mit einem Programm.
Die Selbsthilfegruppe
Eine Selbsthilfegruppe wird von Betroffenen geführt. Es gibt keine Leitung mit Behandlungsauftrag, keinen festen Aufbau über eine bestimmte Zahl von Treffen und keine Diagnose als Voraussetzung. Was es gibt: Menschen, die dasselbe erleben.
Das wirkt, und es ist kostenlos oder kostet einen kleinen Beitrag. Für viele ist es der erste Schritt überhaupt — auch ohne Diagnose, auch während man noch auf einen Abklärungstermin wartet.
Wir führen selbst keine Selbsthilfegruppen. Die Adressen dafür, unter anderem elpos und Selbsthilfe Zürich, stehen bei uns unter Anlaufstellen und weiterführende Adressen.
Die Gruppentherapie
Eine Gruppentherapie hat eine fachlich ausgebildete Leitung, ein Programm über eine festgelegte Zahl von Sitzungen und ein Ziel, das über den Austausch hinausgeht: bestimmte Fähigkeiten aufbauen. Bei AD(H)S sind das meist Umgang mit Zeit und Aufschieben, Organisation im Alltag, Emotionsregulation und Umgang mit Stress.
Der Rahmen ist verbindlicher: feste Termine, eine Gruppe, die zusammen anfängt und zusammen aufhört, Aufgaben zwischen den Sitzungen. Und sie setzt in der Regel eine Diagnose voraus, weil sie als Psychotherapie im Gruppensetting abgerechnet wird.
Unsere Angebote sind die Psychoedukations- und Coachinggruppe, die Stressbewältigung und das Training emotionaler Kompetenzen. Alle Gruppen finden am Grossmünsterplatz 6 in Zürich statt.
Was die Forschung zur Wirksamkeit sagt
Für psychoedukative Gruppen bei AD(H)S im Erwachsenenalter gibt es ein etabliertes deutschsprachiges Manual von D’Amelio, Retz, Philipsen und Rösler, das den Ablauf Sitzung für Sitzung beschreibt. Für das Stressthema existiert ein eigenes Manual von Greiner, Langer und Schütz.
Zur Wirksamkeit ist die Lage differenzierter, als es einem Anbieter lieb sein kann. Wir halten es für richtig, das zu sagen: In der COMPAS-Studie, einer grossen deutschen Vergleichsuntersuchung, war die medikamentöse Behandlung einer strukturierten Gruppenpsychotherapie überlegen — und die zusätzliche Gruppentherapie verbesserte das Ergebnis der Medikation nicht messbar.
Verhaltenstherapeutisch ausgerichtete Angebote zeigen dagegen belegbare Effekte, die auch bis zur Nachuntersuchung anhalten. Was das praktisch heisst: Eine Gruppe ist keine Alternative zu einer medikamentösen Behandlung, wenn diese in Frage kommt. Sie leistet etwas anderes — verstehen, was mit einem los ist, Strategien, die zum eigenen Alltag passen, und andere Menschen, die dasselbe kennen.
Was für wen passt
- Noch keine Diagnose, erster Kontakt gesucht — Selbsthilfegruppe. Sie brauchen dafür nichts als den Entschluss hinzugehen.
- Diagnose vorhanden, konkrete Strategien gesucht — Gruppentherapie. Sie arbeiten an bestimmten Fähigkeiten, mit Anleitung.
- Beides — kommt vor und ist sinnvoll. Eine Gruppentherapie endet nach einer festgelegten Zahl von Sitzungen, eine Selbsthilfegruppe läuft weiter.
- Lieber allein arbeiten — Einzeltherapie oder Coaching. Nicht jeder profitiert von einer Gruppe, und das ist keine Frage von Willen oder Mut.
Quellen und weiterführende Literatur
- D’Amelio, R., Retz, W., Philipsen, A. & Rösler, M.: Psychoedukation und Coaching ADHS im Erwachsenenalter. Manual zur Leitung von Patienten- und Angehörigengruppen. Elsevier, Reihe «Im Dialog».
- Greiner, A., Langer, S. & Schütz, A.: Stressbewältigungstraining für Erwachsene mit ADHS. Manual. Springer.
- Philipsen, A. et al. (2015). Effects of group psychotherapy, individual counseling, methylphenidate, and placebo in the treatment of adult attention-deficit/hyperactivity disorder (COMPAS). JAMA Psychiatry 72, 1199–1210. doi:10.1001/jamapsychiatry.2015.2146
- Interdisziplinäre S3-Leitlinie «ADHS im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter», AWMF-Registernummer 028-045, Federführung DGKJP, DGPPN und DGSPJ. Fassung 2018; die Gültigkeit ist am 1. Mai 2022 abgelaufen, eine Überarbeitung läuft. AWMF-Register
- Selbsthilfe Zürich und elpos — Vermittlung von Selbsthilfegruppen in der Schweiz.
Offenlegung: Wir bieten selbst Gruppen an. Rechnen Sie das ein, wenn wir über deren Nutzen schreiben. Die Befunde oben stehen deshalb so da, wie sie sind, auch wo sie unbequem sind.
