Frau von hinten, die nachdenklich durch eine beschlagene Glasscheibe nach draussen schaut

ADS bei Frauen

ADS – das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom ohne äussere Unruhe – wird bei Frauen häufiger übersehen als bei Männern. Wer nicht stört, fällt nicht auf. Viele Frauen erhalten ihre Diagnose erst im Erwachsenenalter, nachdem sie jahrelang gehört haben, sie seien zerstreut oder unorganisiert.

Warum es so lange unentdeckt bleibt

Frauen sind angepasster. Über Jahre bauen sie Fangnetze auf, und die funktionieren gut genug, dass niemand nachfragt.

  • Listen, Wecker und Kalendereinträge für Dinge, die andere einfach behalten
  • Vorbereitung, die weit über das nötige Mass hinausgeht, damit im Moment nichts schiefgeht
  • Doppeltes Kontrollieren, bevor etwas rausgeht
  • Abende und Wochenenden, um zu Ende zu bringen, was andere im Arbeitstag schaffen
  • Ein Umfeld, das Administratives übernimmt – oft die Partnerin oder der Partner
  • Das Meiden von Situationen ohne Struktur

Die Forschung stützt das. Ein internationales Konsensuspapier von 2020 nennt kompensatorisches Verhalten ausdrücklich als Grund dafür, dass Beeinträchtigungen verdeckt bleiben und die Zuweisung sich verzögert. Und während in der Kindheit auf ein diagnostiziertes Mädchen bis zu sechzehn Jungen kommen, ist der Unterschied in Erwachsenenstichproben gering oder verschwindet ganz – ein Hinweis darauf, dass es nicht um seltenere Betroffenheit geht, sondern um seltenere Erkennung.

Frauen mit ADS kommen oft besser durch den Tag als Männer mit den gleichen Schwierigkeiten. Sie tun einfach mehr dafür. Diese Mehrarbeit sieht von aussen niemand, und darum fällt die ADS jahrelang nicht auf.

Die Belastung ist trotzdem da. Sie zeigt sich nicht als Unruhe, sondern als Erschöpfung, Anspannung und das Gefühl, ständig gegen etwas anzuarbeiten, das andere offenbar nicht haben.

Wann die Fangnetze reissen

Solange die äussere Struktur trägt, hält das System. Auffällig wird es dort, wo diese Struktur wegfällt oder die Anforderungen steigen:

  • Beim Übergang von der Schule ins Studium, wo niemand mehr den Rahmen vorgibt
  • Nach der Geburt eines Kindes, wenn Schlaf fehlt und die Aufgaben unplanbar werden
  • Bei einer Beförderung in eine Rolle mit weniger Vorgaben und mehr Selbstorganisation
  • Nach einer Trennung, wenn die Person wegfällt, die vieles mitgetragen hat

Ein weiterer Weg zur Diagnose führt über die eigenen Kinder. Wird beim Kind eine ADHS abgeklärt, erkennen manche Mütter im Fragebogen die eigene Biografie wieder – ADHS tritt familiär gehäuft auf.

Wie sich ADS bei Frauen zeigt

Die Grundmerkmale unterscheiden sich nicht von denen bei Männern. Was sich unterscheidet, ist die Ausprägung im Alltag: Schwierigkeiten, das eigene Leben zu organisieren und den Überblick zu behalten. Prioritäten zu setzen. Angefangenes abzuschliessen.

Anzeichen im Überblick

  • Schwierigkeiten beim Organisieren von Aufgaben und beim Planen
  • Schwierigkeiten bei der Konzentration, besonders bei langweiligen oder wiederkehrenden Tätigkeiten
  • Impulsivität und Unvorsichtigkeit
  • Schwierigkeiten, Aufgaben abzuschliessen und Entscheidungen zu treffen
  • Vergesslichkeit und Verwirrung
  • Geringes Selbstwertgefühl und Unsicherheit
  • Innere Getriebenheit statt sichtbarer Unruhe
  • Angstzustände, Depressionen und Stimmungsschwankungen
  • Schwierigkeiten, soziale Beziehungen aufzubauen und aufrechtzuerhalten
  • Schwierigkeiten, die eigenen Emotionen und die Emotionen anderer einzuordnen

Stimmungsschwankungen, Angstzustände und depressive Phasen sind oft der Grund, warum Frauen überhaupt in Behandlung kommen. Sie werden dann als das eigentliche Problem behandelt, während die Aufmerksamkeitsstörung darunter unentdeckt bleibt.

Selbsttest: Wo stehen Sie?

Ein unaufmerksames Profil ohne äussere Unruhe wird in der Selbsteinschätzung regelmässig unterschätzt – gerade weil die Kompensation funktioniert. Der kostenlose Selbsttest weist Unaufmerksamkeit und Hyperaktivität getrennt aus und fragt zusätzlich nach Beginn in der Kindheit und Beeinträchtigung im Alltag.

Was eine Abklärung klärt

Ein Fragebogen allein ergibt keine Diagnose. Nach DSM-5 müssen drei Bedingungen zusammenkommen, und genau diese prüft eine Abklärung:

  • Die Symptome bestehen seit mindestens sechs Monaten in einem Ausmass, das über das Übliche hinausgeht
  • Mehrere Merkmale waren bereits vor dem 12. Lebensjahr vorhanden – auch wenn sie damals niemandem aufgefallen sind
  • Sie führen in mindestens zwei Lebensbereichen zu deutlicher Beeinträchtigung

Dazu kommt der Ausschluss anderer Ursachen. Depression, Angststörung, chronischer Schlafmangel oder eine Schilddrüsenerkrankung erzeugen ähnliche Beschwerden und müssen abgegrenzt werden. Bei Frauen ist gerade der Kindheitsteil oft schwierig zu rekonstruieren, weil das unauffällige Kind niemandem in Erinnerung geblieben ist. Alte Zeugnisse und Auskünfte von Angehörigen helfen dabei.

Abklärung in Zürich

Wir klären ADHS und ADS bei Erwachsenen am Grossmünsterplatz ab. Wie der Ablauf aussieht, wie lange es dauert und wann die Grundversicherung zahlt, steht bei den Fragen zur Abklärung.

Was nach der Diagnose hilft

Die Behandlung wird aus mehreren Bausteinen zusammengesetzt. Medikamentöse Therapie mit Stimulanzien wie Methylphenidat verbessert die Aufmerksamkeitsregulation. Psychotherapie und Coaching bauen Strategien für Struktur und Selbstorganisation auf.

Für viele Frauen ist ein dritter Punkt der entscheidende: zu verstehen, dass der jahrelange Mehraufwand eine Ursache hatte. In unseren Gruppen für Erwachsene ist das oft der Moment, an dem sich etwas löst – weil im Raum niemand sitzt, dem man es erklären muss.

Häufige Fragen

Kann ADS bei Frauen erst im Erwachsenenalter entstehen?

Nein. ADS ist eine Entwicklungsstörung, die Merkmale müssen nach DSM-5 bereits vor dem 12. Lebensjahr vorhanden gewesen sein. Was sich im Erwachsenenalter ändert, ist die Sichtbarkeit: Solange äussere Struktur da war, hat die Kompensation getragen. Fällt sie weg, tritt zutage, was vorher abgefedert wurde.

Warum wird bei mir Depression oder Burnout diagnostiziert und nicht ADS?

Weil die Erschöpfung echt ist und zuerst auffällt. Das ist kein Einzelfall: Laut dem Konsensuspapier von 2020 werden bei Frauen mit ADHS internalisierende Störungen wie Angst und Depression häufiger berichtet als bei Männern, und sie erhalten eher primär eine solche Diagnose. Beide können nebeneinander bestehen. Der Unterschied zeigt sich in der Vorgeschichte: Bestanden die Konzentrations- und Organisationsprobleme schon lange vor der Erschöpfung?

Ich habe eine gute Ausbildung und einen Job – kann ich trotzdem ADS haben?

Ja. Ein Abschluss schliesst ADS nicht aus, er sagt etwas über Kompensationsfähigkeit und Intelligenz aus, nicht über die Aufmerksamkeitsregulation. Viele Frauen, die wir abklären, sind beruflich erfolgreich – zu einem Preis, den man ihnen von aussen nicht ansieht.

Was ist der Unterschied zwischen ADS und ADHS?

Nur die Hyperaktivität. Bei ADHS kommen motorische Unruhe und Impulsivität dazu, bei ADS stehen Unaufmerksamkeit und Organisationsprobleme im Vordergrund. DSM-5 und ICD-11 behandeln beides als Erscheinungsformen derselben Störung.

Wie lange dauert eine Abklärung?

Mehrere Sitzungen. Ein Fragebogen allein ergibt keine Diagnose – nötig sind Anamnese, standardisierte Verfahren, ein diagnostisches Interview und der Ausschluss anderer Ursachen.

Passt eine andere Seite besser?

Steht bei Ihnen nicht die Unaufmerksamkeit im Vordergrund, sondern innere Getriebenheit, Redefluss oder impulsive Entscheidungen? Dann beschreibt ADHS bei Frauen das Bild genauer. Wie sich dieselbe Störung bei Männern zeigt, lesen Sie unter ADS bei Männern. Eine Übersicht über beide Formen gibt ADS im Erwachsenenalter. Was im Gehirn dahintersteckt, erklärt ADHS im Gehirn.

Quellen

Die Aussagen zu Erkennung, Kompensation und Begleiterkrankungen auf dieser Seite stützen sich auf:

  • Young S, Adamo N, Ásgeirsdóttir BB, et al. Females with ADHD: An expert consensus statement taking a lifespan approach providing guidance for the identification and treatment of attention-deficit/hyperactivity disorder in girls and women. BMC Psychiatry. 2020;20:404. doi:10.1186/s12888-020-02707-9
  • Attoe DE, Climie EA. Miss. Diagnosis: A Systematic Review of ADHD in Adult Women. Journal of Attention Disorders. 2023;27(7):645–657. doi:10.1177/10870547231161533
  • American Psychiatric Association. Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, Fifth Edition, Text Revision (DSM-5-TR). Washington DC, 2022.