Zwei Farbwolken, türkis und pfirsich, die sich im Wasser ineinander mischen

Wie erkennt man AD(H)S bei Erwachsenen? Was eine Abklärung prüft

Drahtgittermodell eines Gehirns, die eine Hälfte hell, die andere im Dunkeln

Ein Online-Test dauert fünf Minuten. Eine Abklärung dauert zwei Sitzungen und endet mit einem Bericht. Der Unterschied liegt nicht in der Sorgfalt, sondern im Ergebnis: eine Vermutung oder eine Diagnose, mit der sich weiterarbeiten lässt.

Dieser Beitrag beschreibt, was bei einer AD(H)S-Abklärung im Erwachsenenalter geprüft wird und warum es dafür mehr braucht als einen Fragebogen.

Was ein Selbsttest leisten kann und was nicht

Der verbreitetste Fragebogen ist die Adult ADHD Self-Report Scale, kurz ASRS v1.1, entwickelt für die Weltgesundheitsorganisation. Unser AD(H)S-Selbsttest bildet alle 18 Fragen ab. Er ordnet Ihre Antworten in ein Muster ein und sagt Ihnen, ob dieses Muster zu AD(H)S passt.

Was er nicht kann: ausschliessen, dass etwas anderes dahintersteckt. Konzentrationsprobleme, innere Unruhe und Vergesslichkeit entstehen auch bei einer Depression, bei einer Angststörung, nach längerem Schlafmangel, bei einer Schilddrüsenfunktionsstörung oder unter chronischer Belastung. Ein Fragebogen erkennt das Muster, nicht seine Ursache.

Deshalb ersetzt kein Test die Abklärung. Und deshalb ist ein hoher Testwert kein Grund zur Beunruhigung, sondern ein Anlass, genauer hinzusehen.

Warum die Kindheit zählt

AD(H)S beginnt in der Kindheit. Das ist keine Formalität, sondern ein entscheidendes Kriterium: Die Symptome müssen vor dem zwölften Lebensjahr aufgetreten sein und seither angehalten haben. Wer erst mit dreissig erstmals Konzentrationsprobleme entwickelt, hat mit hoher Wahrscheinlichkeit etwas anderes.

Das macht die Abklärung im Erwachsenenalter aufwendiger als bei Kindern. Es geht um eine Rekonstruktion über Jahrzehnte, und Erinnerung ist unzuverlässig. Genau darum wird sie mit anderen Quellen abgeglichen: Zeugnisse, Angaben von Eltern oder Geschwistern, frühere Berichte.

Woran eine Abklärung ansetzt

  • Kindheit und Jugend — wann die Schwierigkeiten erstmals auftraten und wie durchgehend sie seither bestehen.
  • Heutiger Alltag — wo es konkret klemmt: Arbeit, Haushalt, Partnerschaft, Finanzen, Termine.
  • Beeinträchtigung — AD(H)S ist erst dann eine Diagnose, wenn die Symptome das Leben tatsächlich einschränken. Wer seine Eigenheiten gut kompensiert, hat nicht automatisch eine Störung.
  • Andere Erklärungen — Depression, Angst, Schlafstörungen, Substanzkonsum, körperliche Ursachen. Diese Abgrenzung ist der aufwendigste Teil der Abklärung.
  • Begleiterkrankungen — sie sind bei AD(H)S die Regel, nicht die Ausnahme. Welche häufig vorkommen, steht unter Begleiterkrankungen.

Strukturierte Interviews statt Bauchgefühl

Für die Erhebung gibt es entwickelte Verfahren. Im deutschsprachigen Raum verbreitet ist das Diagnostische Interview für AD(H)S bei Erwachsenen (DIVA), das die Kriterien Punkt für Punkt durchgeht und für jedes einzelne nach konkreten Beispielen aus Kindheit und Gegenwart fragt.

Der Sinn eines Leitfadens liegt darin, dass er nicht überspringt, was gerade nicht auffällt. Ein Gespräch ohne Struktur folgt dem, was die Person von sich aus erzählt — und das ist selten das Vollständige.

Ablauf, Dauer und Kosten

Bei uns sind es zwei Sitzungen, dazu Auswertung und Bericht. Die Fragebogen füllen Sie zwischen den Terminen zu Hause aus. Die Abklärung findet online, am Grossmünsterplatz oder am Zähringerplatz in Zürich statt; Ablauf und Kosten stehen unter AD(H)S-Abklärung und Fragen zur Abklärung.

Eine Entscheidung fällt vor dem ersten Termin und lässt sich später nicht mehr nachholen: selbst zahlen oder über die Grundversicherung abrechnen. Letzteres braucht eine ärztliche Anordnung, die vorliegen muss, bevor es losgeht.

Was eine Diagnose ändert

Für viele ist der Bericht weniger ein medizinisches Dokument als eine Erklärung für zwanzig oder vierzig Jahre Anstrengung. Das ist ein Wert für sich, und er wird oft unterschätzt.

Praktisch öffnet die Diagnose Wege, die vorher verschlossen waren: eine medikamentöse Behandlung über die Grundversicherung, Nachteilsausgleich in Ausbildung und Studium, eine Gruppentherapie mit anderen Betroffenen. Was davon sinnvoll ist, hängt vom Einzelfall ab. Die Diagnose ist der Anfang dieser Überlegung, nicht ihr Ende.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Interdisziplinäre S3-Leitlinie «ADHS im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter», AWMF-Registernummer 028-045, Federführung DGKJP, DGPPN und DGSPJ. Fassung 2018; die Gültigkeit ist am 1. Mai 2022 abgelaufen, eine Überarbeitung läuft. AWMF-Register
  • Kooij, J. J. S. et al. (2019). Updated European Consensus Statement on diagnosis and treatment of adult ADHD. European Psychiatry 56, 14–34. doi:10.1016/j.eurpsy.2018.11.001
  • Kessler, R. C. et al. (2005). The World Health Organization Adult ADHD Self-Report Scale (ASRS): a short screening scale for use in the general population. Psychological Medicine 35, 245–256. Grundlage des hier verwendeten Selbsttests.
  • Kooij, J. J. S.: Diagnostisches Interview für ADHS bei Erwachsenen (DIVA). Strukturiertes Interview zur Erhebung der Kriterien in Kindheit und Gegenwart.
  • Schweizerische Fachgesellschaft ADHS — Fachinformationen zum aktuellen Stand. Wir sind Mitglied.

Ihr nächster Schritt

Unsicher, ob eine Abklärung für Sie in Frage kommt? Der kostenlose AD(H)S-Selbsttest dauert fünf Minuten und gibt einem Erstgespräch einen Ausgangspunkt. Konkreter wird es unter AD(H)S-Abklärung.

Dieser Beitrag ersetzt keine Diagnostik und keine Beratung im Einzelfall.