ADS – die unaufmerksame Form ohne äussere Unruhe – gilt als Frauenthema. Das ist eine Verkürzung. Auch Männer haben ADS, und auch bei ihnen wird es spät erkannt: Wer nicht stört, gibt niemandem einen Anlass, genauer hinzusehen.
Der Junge, der nie aufgefallen ist
Hyperaktive Jungen fallen im Unterricht auf und werden früh abgeklärt. Der unaufmerksame Junge fällt nicht auf. Er sitzt am Fenster und ist mit den Gedanken woanders. Dafür bekommt er Rückmeldungen, die ein Leben lang haften bleiben:
- «Er könnte, wenn er nur wollte.»
- «Er schöpft sein Potenzial nicht aus.»
- «Faul, aber intelligent.»
- «Er träumt vor sich hin.»
Diese Sätze erklären das Verhalten mit Charakter statt mit einer Ursache. Wer sie lange genug hört, übernimmt sie irgendwann selbst. Das ist einer der Gründe, warum viele Männer mit ADS erst dann eine Abklärung suchen, wenn etwas anderes nicht mehr funktioniert.
Der Rückzug in die eigene Welt
Was von aussen wie Desinteresse aussieht, hat oft einen anderen Grund: Die Aufmerksamkeit ist da, sie richtet sich nur nicht auf das, was gerade verlangt wird. Bei ADS lässt sie sich schlecht steuern, aber sie kann sich sehr stark binden: an ein Spiel, eine Serie, ein Thema. Stundenlang, ohne Anstrengung, ohne dass jemand daran erinnern müsste.
Deshalb ist der Satz «vor dem Computer kann er sich ja stundenlang konzentrieren» kein Gegenargument. Computerspiele liefern genau das, was der Schulstoff und später der Arbeitsalltag nicht liefern: sofortige Rückmeldung, laufend neue Reize, einen Belohnungstakt von Sekunden statt von Monaten. Sie treffen die Aufmerksamkeitsregulation dort, wo sie funktioniert.
Für Serien und Fernsehen gilt dasselbe von der anderen Seite her: Sie verlangen keine eigene Anstrengung, laufen von selbst weiter und füllen die Zeit, ohne dass eine Entscheidung nötig wird. Wer den ganzen Tag gegen die eigene Aufmerksamkeit gearbeitet hat, hat abends für nichts anderes mehr Reserve.
Der Preis zeigt sich daneben. Eine Metaanalyse von 2023 fand einen mittleren Zusammenhang zwischen ADHS-Symptomen und Gaming Disorder, für Unaufmerksamkeit etwas stärker als für Hyperaktivität; in Stichproben mit hohem Männeranteil fiel er höher aus. Offen bleibt die Richtung – ob die Symptome ins Spielen führen oder das Spielen die Symptome verstärkt, lässt sich aus diesen Daten nicht sagen.
Im Alltag sieht das oft gleich aus: Das Sofa oder das Zimmer wird zum Rückzugsort. Verabredungen werden abgesagt, der Sport hört auf, der Freundeskreis wird kleiner. Nicht aus Unlust, sondern weil draussen alles Anstrengung kostet und drinnen alles von selbst läuft.
Was es im Berufsleben kostet
Hier liegt der Unterschied zur landläufigen Vorstellung von ADHS. Nicht die Hyperaktivität ist im Erwachsenenalter das Problem, sondern die Unaufmerksamkeit. Eine norwegische Untersuchung an Erwachsenen mit ADHS fand, dass anhaltende Unaufmerksamkeitssymptome mit abgebrochener Ausbildung und langfristiger beruflicher Beeinträchtigung zusammenhängen.
Im Alltag heisst das: Der Abschluss dauert länger als geplant oder kommt nicht zustande. Die Stelle passt, aber die Administration frisst die Abende. Eine Beförderung in eine Rolle mit weniger Struktur wird zum Problem statt zur Chance.
Wie sich ADS bei Männern zeigt
Die Merkmale unterscheiden sich nicht grundsätzlich von denen bei Frauen. Was sich unterscheidet, ist die Deutung durch das Umfeld – bei Frauen als Zerstreutheit, bei Männern als fehlender Wille.
Anzeichen im Überblick
- Schwierigkeiten beim Organisieren von Aufgaben und beim Planen
- Schwierigkeiten bei der Konzentration, besonders bei langweiligen oder wiederkehrenden Tätigkeiten
- Aufgaben werden begonnen, aber nicht abgeschlossen
- Termine, Abmachungen und Details gehen verloren
- Aufschieben von allem, was viel Nachdenken erfordert
- Dinge werden verlegt und wiedergefunden, wenn es zu spät ist
- Ablenkbarkeit durch Geräusche und Bewegung im Umfeld
- Tagträumen, auch mitten im Gespräch
- Stundenlanges Vertiefen in ein Spiel, eine Serie oder ein Thema, während Alltägliches liegen bleibt
- Erschöpfung nach Tagen, die für andere unauffällig waren
Was eine Abklärung klärt
Ein Fragebogen allein ergibt keine Diagnose. Nach DSM-5 müssen drei Bedingungen zusammenkommen, und genau diese prüft eine Abklärung:
- Die Symptome bestehen seit mindestens sechs Monaten in einem Ausmass, das über das Übliche hinausgeht
- Mehrere Merkmale waren bereits vor dem 12. Lebensjahr vorhanden, auch wenn sie damals niemandem aufgefallen sind
- Sie führen in mindestens zwei Lebensbereichen zu deutlicher Beeinträchtigung
Dazu kommt der Ausschluss anderer Ursachen. Depression, Angststörung, chronischer Schlafmangel oder eine Schilddrüsenerkrankung erzeugen ähnliche Beschwerden und müssen abgegrenzt werden.
Der Kindheitsteil ist bei unauffälligen Kindern schwer zu rekonstruieren. Alte Zeugnisse helfen oft weiter: Bemerkungen zum Arbeitsverhalten sagen mehr als die Noten.
Was nach der Diagnose hilft
Medikamentöse Therapie mit Stimulanzien wie Methylphenidat verbessert die Aufmerksamkeitsregulation. Psychotherapie und Coaching bauen Strategien für Struktur und Selbstorganisation auf.
Für viele Männer ist der erste Gewinn ein anderer: Die Sätze aus der Schulzeit verlieren ihre Gültigkeit. In unseren Gruppen für Erwachsene sitzen Menschen, die dieselbe Geschichte kennen.
Häufige Fragen
Ja. Das ist genau die unaufmerksame Erscheinungsform. Nach DSM-5 genügen Merkmale aus dem Bereich Unaufmerksamkeit; Hyperaktivität und Impulsivität müssen nicht vorliegen.
Nein. Ein Abschluss sagt etwas über Kompensationsfähigkeit und Begabung aus, nicht über die Aufmerksamkeitsregulation. Entscheidend ist, was der Weg dorthin gekostet hat.
Nein. Bei ADS ist die Steuerung der Aufmerksamkeit gestört, nicht die Aufmerksamkeit selbst. Spiele liefern kurze Belohnungsabstände und ständig neue Reize und binden die Aufmerksamkeit deshalb mühelos, während Aufgaben mit langem Atem liegen bleiben. Eine Metaanalyse von 2023 fand einen mittleren Zusammenhang zwischen ADHS-Symptomen und Gaming Disorder. Für Serien und Fernsehen ist die Datenlage dünner, das klinische Bild ist aber dasselbe.
Nein. Bei Männern wird häufiger die hyperaktiv-impulsive Form erkannt, weil sie auffällt. Das heisst nicht, dass die unaufmerksame Form seltener vorkommt. Sie führt nur seltener zu einer Abklärung.
Nur die Hyperaktivität. DSM-5 und ICD-11 behandeln beides als Erscheinungsformen derselben Störung.
Passt eine andere Seite besser?
Steht bei Ihnen innere Getriebenheit, Ungeduld oder Impulsivität im Vordergrund? Dann beschreibt ADHS bei Männern das Bild genauer. Wie sich dieselbe unaufmerksame Form bei Frauen zeigt, lesen Sie unter ADS bei Frauen.
Quellen
Die fachlichen Aussagen auf dieser Seite stützen sich auf:
- Fredriksen M, Dahl AA, Martinsen EW, Klungsoyr O, Faraone SV. Childhood and persistent ADHD symptoms associated with educational failure and long-term occupational disability in adult ADHD. Attention Deficit and Hyperactivity Disorders. 2014;6(2):87–99. doi:10.1007/s12402-014-0126-1
- Koncz P, Demetrovics Z, Takacs ZK, Griffiths MD, Nagy T, Király O. The emerging evidence on the association between symptoms of ADHD and gaming disorder: A systematic review and meta-analysis. Clinical Psychology Review. 2023;106:102343. doi:10.1016/j.cpr.2023.102343
- American Psychiatric Association. Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, Fifth Edition, Text Revision (DSM-5-TR). Washington DC, 2022.
