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ADHS im Gehirn

ADHS ist keine Frage von Willen, Erziehung oder Disziplin. Sie ist eine Besonderheit darin, wie das Gehirn Aufmerksamkeit, Antrieb und Impulse steuert. Diese Seite erklärt, was dabei tatsächlich anders läuft — und ebenso, was die Forschung dazu nicht sagen kann.

Es gibt keinen Hirnscan und keinen Bluttest, der eine ADHS feststellt. Die Forschung findet Unterschiede zwischen grossen Gruppen. Über eine einzelne Person sagen diese Unterschiede nichts. Diagnostiziert wird im Gespräch.

Zwei Botenstoffe, die zu früh abgeräumt werden

Nervenzellen verständigen sich über Botenstoffe. Für Aufmerksamkeit und Antrieb sind zwei davon entscheidend: Dopamin und Noradrenalin. Eine Zelle schüttet den Botenstoff in den schmalen Spalt zur nächsten aus, dort dockt er an und das Signal läuft weiter. Danach holen Transportproteine ihn wieder ein, damit der Spalt für das nächste Signal frei ist.

Bei ADHS ist diese Übertragung unzuverlässig. Entweder wird zu wenig ausgeschüttet oder zu schnell wieder eingesammelt. Das Ergebnis ist in beiden Fällen dasselbe: Das Signal kommt mal an und mal nicht. Nicht abgeschaltet, sondern schwankend.

Das erklärt etwas, das viele Betroffene kennen und das Aussenstehende irritiert: Es geht ja manchmal. Bei einer Sache, die wirklich interessiert. Unter Zeitdruck. In der letzten Nacht vor der Abgabe. Genau in solchen Situationen steigt die Dopaminausschüttung von allein an. Was fehlt, ist nicht die Fähigkeit, sondern die verlässliche Grundversorgung.

Wo im Gehirn sich das auswirkt

Hinter der Stirn liegt der präfrontale Kortex. Er erledigt das, was in der Fachsprache exekutive Funktionen heisst: eine Reihenfolge festlegen, anfangen, dranbleiben, einen Impuls bremsen, das Ziel im Kopf behalten, während man daran arbeitet.

Er arbeitet nicht allein. Über Nervenbahnen ist er mit tiefer liegenden Kernen verbunden, die Motivation und Bewegung regeln. Diese Schleife läuft mit Dopamin und Noradrenalin. Wird die Übertragung unzuverlässig, wird die Steuerung unzuverlässig.

Aus dieser Beschreibung stammt auch der Begriff Neurodivergenz: Das Gehirn arbeitet nicht schlechter, sondern nach anderen Regeln. Ob daraus Leidensdruck entsteht, hängt davon ab, was der Alltag verlangt.

Deshalb ist der verbreitete Satz «Aufmerksamkeitsdefizit» irreführend. Die Aufmerksamkeit ist vorhanden. Was schwer fällt, ist sie dorthin zu richten, wo sie gerade gebraucht wird, und dort zu halten.

Was die Bildgebung wirklich zeigt

Die grösste Untersuchung dazu verglich 2017 Hirnaufnahmen von 1713 Menschen mit ADHS und 1529 ohne, aus 23 Forschungszentren. Sie fand tatsächlich kleinere Volumen in mehreren Hirnregionen, unter anderem in Amygdala, Hippocampus und Nucleus accumbens.

Entscheidend ist die Grösse dieser Unterschiede. Die Effektstärken lagen zwischen 0,10 und 0,19. Das ist sehr klein: Die Werte der beiden Gruppen überlappen fast vollständig. Bei Kindern waren die Unterschiede grösser als bei Erwachsenen, und beim Gesamtvolumen des Gehirns war bei Erwachsenen praktisch kein Unterschied mehr messbar.

Aus einem einzelnen Bild lässt sich also nicht ablesen, ob jemand ADHS hat. Wenn Ihnen eine Praxis eine Hirnstrommessung oder ein Bildgebungsverfahren als Diagnoseinstrument anbietet, ist Skepsis angebracht.

Warum Stimulanzien helfen

Methylphenidat blockiert die Transportproteine, die Dopamin und Noradrenalin wieder einsammeln. Die Botenstoffe bleiben länger im Spalt, das Signal wird stabiler. Amphetaminpräparate wirken zusätzlich, indem sie die Ausschüttung erhöhen.

Das ist weder eine Beruhigung noch ein Aufputschmittel. Es macht eine schwankende Übertragung gleichmässiger. Wer die Wirkung beschreibt, sagt oft nicht «wacher», sondern «es ist ruhiger geworden».

Zwei Schlüsse liegen nahe und sind trotzdem falsch. Dass ein Stimulans hilft, beweist keine ADHS: Es verbessert die Konzentration auch bei Menschen ohne Diagnose. Und dass es nicht hilft, schliesst eine ADHS nicht aus, denn nicht jeder spricht auf jedes Präparat an.

Was die Gene damit zu tun haben

ADHS entsteht überwiegend genetisch, über häufige und seltene Varianten zusammen. Ein einzelnes ADHS-Gen gibt es nicht. Es sind viele Varianten, von denen jede für sich nur einen winzigen Beitrag leistet.

Praktisch heisst das dreierlei: Es gibt keinen Gentest für ADHS. Dass sie in Familien gehäuft vorkommt, ist erwartbar. Und Erziehungsfehler oder Bildschirmzeit sind nicht die Ursache, auch wenn sie beeinflussen können, wie stark jemand im Alltag belastet ist.

Selbsttest: Wo stehen Sie?

Was im Gehirn abläuft, lässt sich nicht messen — wie stark die Merkmale bei Ihnen ausgeprägt sind, schon. Der kostenlose Selbsttest bildet die 18 Fragen der Weltgesundheitsorganisation ab und wertet Unaufmerksamkeit und Hyperaktivität getrennt aus.

Was das für eine Abklärung heisst

Eine ADHS wird klinisch diagnostiziert, also über Gespräch, Vorgeschichte, Fragebogen und den Ausschluss anderer Ursachen. Nach DSM-5 müssen die Merkmale seit mindestens sechs Monaten bestehen, bereits vor dem 12. Lebensjahr vorhanden gewesen sein und in mindestens zwei Lebensbereichen zu deutlicher Beeinträchtigung führen.

Dass es kein Laborwert ist, macht die Diagnose nicht unsicher. Mit standardisierten Kriterien erhoben, ist sie zuverlässig und gültig. Sie beruht nur auf einer sorgfältigen Erhebung statt auf einem Messgerät.

Abklärung in Zürich

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Häufige Fragen

Kann man ADHS auf einem Hirnscan sehen?

Nein. Grosse Studien finden im Mittel kleine Unterschiede zwischen Gruppen, aber die Werte überlappen fast vollständig. Für die Diagnose einer einzelnen Person ist Bildgebung nicht geeignet.

Ist ADHS einfach ein Dopaminmangel?

Das ist eine starke Vereinfachung. Es geht weniger um zu wenig Dopamin als darum, dass die Signalübertragung unzuverlässig ist. Und Noradrenalin spielt eine ebenso wichtige Rolle.

Beweist es eine ADHS, wenn Medikamente helfen?

Nein. Stimulanzien verbessern die Konzentration auch bei Menschen ohne ADHS. Umgekehrt schliesst eine fehlende Wirkung eine ADHS nicht aus, weil nicht jeder auf jedes Präparat anspricht.

Gibt es einen Gentest für ADHS?

Nein. ADHS ist stark erblich, beruht aber auf vielen Varianten mit je winzigem Beitrag. Ein Test, der die Diagnose stellt, existiert nicht.

Ist ADHS eine Krankheit oder einfach eine andere Art zu denken?

Beides beschreibt einen Teil. Die neurobiologischen Besonderheiten sind gut belegt. Ob daraus eine Diagnose wird, entscheidet sich daran, ob im Alltag eine deutliche Beeinträchtigung besteht. Ohne diese Beeinträchtigung gibt es nach DSM-5 keine Diagnose. Viele Betroffene beschreiben sich selbst als neurodivergent und meinen damit genau diese Doppelheit: eine andere Art, Aufmerksamkeit zu regulieren, die im Alltag Kosten hat.

Weiterlesen

Eine Übersicht zum Störungsbild gibt Was ist ADHS / ADS. Wie sich ADHS im Alltag von Erwachsenen zeigt, steht unter ADHS im Erwachsenenalter. Wenn zusätzlich autistische Merkmale im Raum stehen, lesen Sie AuDHS.

Quellen

Die fachlichen Aussagen auf dieser Seite stützen sich auf:

  • Faraone SV, Bellgrove MA, Brikell I, et al. Attention-deficit/hyperactivity disorder. Nature Reviews Disease Primers. 2024;10:11. doi:10.1038/s41572-024-00495-0
  • Hoogman M, Bralten J, Hibar DP, et al. Subcortical brain volume differences in participants with attention deficit hyperactivity disorder in children and adults: a cross-sectional mega-analysis. The Lancet Psychiatry. 2017;4(4):310–319. doi:10.1016/S2215-0366(17)30049-4
  • Faraone SV, Banaschewski T, Coghill D, et al. The World Federation of ADHD International Consensus Statement: 208 evidence-based conclusions about the disorder. Neuroscience & Biobehavioral Reviews. 2021;128:789–818. doi:10.1016/j.neubiorev.2021.01.022
  • American Psychiatric Association. Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, Fifth Edition, Text Revision (DSM-5-TR). Washington DC, 2022.